Bereits 2016 wurde das neue Gesetz verabschiedet. Schon nächstes Jahr sollen Kunden die Möglichkeit haben, elektronische Rezepte einzulösen. Auftritt Versandapotheken: das E-Rezept soll neue Kunden erreichen. Wie sich DocMorris-Mutter Zur Rose und Shop Apotheke zur umfassenden Gesundheitsplattform entwickeln wollen und welche Probleme das Boni-System bringen könnte.

Eine Wachstumsstory wie aus dem Bilderbuch?

Durch Börsengänge und Kapitalerhöhungen brachten DocMorris und Shop Apotheke das nötige Kapital auf, um durch Zukäufe und einen hohen Einsatz von Werbegeldern neue Kunden zu generieren. Den europäischen Versandmarkt haben sie damit bereits erobert. Doch: Wer schläft, verliert! Durch den „Game Changer“ E-Rezept (elektronisches Rezept) wollen die beiden Versandriesen die Konkurrenz ausstechen.

E-iner geht noch – E-Rezepte sind erst der Anfang

Sanitärprodukte, Rollatoren, Kontaktlinsen – in Zukunft sollen diese Produkte über Drittanbieter auf Zur Rose und Shop Apotheke zu kaufen sein. Zur Rose will außerdem eine E-Health-Plattform aufbauen, auf der Gesundheitsservices, wie Telemedizin, angeboten werden sollen.

Bei Zur Rose entstehen rund 30 % des Umsatzes durch den Kauf rezeptpflichtiger Medikamente. Durch die Einführung des E-Rezepts rechnet man mit einer Vervier- bzw. Verfünffachung des Umsatzes. Neben dem neu erschlossenen Markt des E-Rezepts erhoffen sich die Versandapotheken einen Anstieg des Warenkorbwertes durch Zukäufe freiverkäuflicher Produkte.

Zukunftsaussicht – Rosig oder Rosiger?

Die Umsatzaussichten für das E-Rezept sind rosig. Obwohl noch unklar ist, wie gut sich das elektronische Rezept in Deutschland durchsetzen wird, gehen Insider von einem Wachstum von 3,5-9 % des Marktanteils im Versandhandel aus. Abhängig ist dies unter anderen von der Akzeptanz der Patienten und von den Ärzten. Vorerst können E-Rezepte nämlich weiterhin in der Apotheke vor Ort eingelöst werden.

Sind die Vor-Ort-Apotheken die Verlierer dieser Entwicklung?

Noch nicht ganz klar ist, ob EU-Versandapotheken ihren gesetzlich versicherten Patienten Rabatte auf E-Rezepte weiterhin geben dürfen. Die Bundesregierung will Vor-Ort-Apotheken stärken, in dem die Rabatte nicht genehmigt werden. Ob dieses Vorhaben einer europarechtlichen Prüfung standhält, ist fraglich.

Aber was bedeutet das E-Rezept für die Vor-Ort-Apotheken? Zu allererst müssen die technischen, prozessualen gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden, dass das E-Rezept problemlos für jeden auch in der Vor-Ort-Apotheke eingelöst werden kann. Hier sind die Vor-Ort-Apotheken bisher sehr passiv und verlassen sich darauf, dass es Unternehmen geben wird, die eine passende APP hierfür entwickeln. Hier gibt es zum Beispiel APP-Entwicklungen von „teleclinic“. Aber auch die Kommunen reagieren hier, um ihre Gesundheitslandschaft nicht von Versandapotheken austrocknen zu lassen.

Zum Beispiel können Patienten in Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen sich von November an nach einer Diagnose per Internet oder Telefon vom Arzt elektronische Rezepte ausstellen lassen. Bis Februar 2020 sollen dann Patienten im ganzen Südwesten von der Möglichkeit Gebrauch machen können, wie «Stuttgarter Nachrichten» und «Stuttgarter Zeitung» am Dienstag berichteten. Ein Sprecher des Sozialministeriums bestätigte dies.

Gebunden ist das Ausstellen des E-Rezepts im Pilotprojekt »GERDA« den Zeitungen zufolge an das Telemedizinangebot «docdirekt» der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Dort können sich Patienten per Videochat oder Telefon an einen Arzt wenden. Seit Mitte April 2016 haben sich dem Bericht zufolge rund 4000 Nutzer per Anruf an «docdirekt» gewandt.

Für den Kunden zählt am Ende also nicht nur der Preis. Nach dem (Online) Arztbesuch die Medikamente direkt abholen und beraten zu werden, ist ein Service, den nur Vor-Ort-Apotheken bieten. Wieso also nicht kooperieren als konfrontieren? Durch Click-and-Collect-Modelle könnten die Kunden online bestellen und vor Ort abholen. So bekämen alle etwas vom neuen E-Rezept ab.